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I love Nerds

I love Nerds

Letztes Wochenende hat mich ein ganz lieber, aber etwas – sagen wir eigenwilliger – Kumpel aus früheren Zeiten auf seine Party eingeladen. Lust hatte ich überhaupt nicht, weil ich schon dunkel zu ahnen glaubte, dass ich in eine mir bis dato relativ fremde und bisher auch überhaupt nicht erstrebenswert zu ergründende Welt eintauchen würde, denn mein lieber Freund ist wohl das, was man unter einem “klassischen Nerd” versteht.

Ich hatte aber versprochen auf jeden Fall zu kommen und schämte mich ein bisschen für die bösen Vorurteile, die mir in den Kopf kamen. Besagter Kumpel entsprach zu Schulzeiten, ja auch in der Oberstufe, wirklich genau jedem gängigen Klischee, welches über Nerds kursiert: ein Streber vor dem Herrn, Typ “schlacksiger blasser Körperklaus”, leicht fettige Haare, Hornbrille, unsportlich, ein sozialer Loser, aber ein Superhirn; ein unerschöpfliches Wissen in allen wissenschaftlichen und technischen Bereichen, aber nicht in der Lage mit einem Mädchen zu reden ohne entweder vor Schüchternheit im Boden zu versinken (bei denen, die er mochte) oder vor Arroganz und Überheblichkeit fast zu platzen (bei denen, die er nicht mochte). Und irgendwie war er niedlich in seinem unbeholfenen Versuch mir zu zeigen, dass er in mich verknallt war. Ja, auch als Nerd hatte er Gefühle, die nicht nur der Laufbahn von Planeten oder chemischen Formeln galten – vielleicht mochte er mich auch nur, weil ich damals Klassenbeste war und er ein Fünkchen Hoffnung verspürte, dass ich seinem Intellekt gewachsen sein könnte (von wegen übrigens, ich glaub meinen IQ hätte man zum Quadrat nehmen müssen, um seinen zu beziffern). Er hatte damals, soweit ich weiß, keine Freunde, allenfalls andere Nerds, mit denen er sich zum gemeinsamen Computerspielen (Stichwort WLAN-Parties) oder Star Trek gucken treffen konnte. Mit dem Begriff verband ich jedenfalls immer negative Assoziationen. Erstaunlicherweise hat er sich auch selbst immer als Nerd bezeichnet, aber es klang irgendwie selbstironisch.

Während ich mich für die Party fertigmachte (musste ich mich überhaupt schminken oder fall ich dadurch nur negativ auf?), dachte ich über Nerds und Vorurteile nach. Und kam auf die Idee den Begriff zu googeln, schließlich wollte ich mich mental auf das einstellen, was mich da erwartete.  Die englische Übersetzung lautet Langweiler, Sonderling, Streber, Außenseiter, Schwachkopf, Fachidiot. Na, das klingt ja vielversprechend. Trinken die eigentlich Bier? Ich musste unweigerlich an “Big Bang Theorie” denken. Ob bei so ner Party auch jeder seinen Platz hat wie Sheldon und wir uns Chinesisch bestellen? Ach Blödsinn Jasmina, das ist nur Fernsehen.

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Nerd = engl. not drunk nonemotional N.E.R.D.?

Ganz geil fand ich die Theorien zum Begriffsursprung: Die eine besagt, “Nerd” komme vom umgedrehten “Drunk” und sollte den Gegensatz zu coolen, Partys und mit Frauen feiernden Jungs verdeutlichen. “Knurd” englisch ausgesprochen klingt eben wie Nerd. Eine andere: Der Begriff sei ein Akronym zu “Northern Electric Research and Development” (heute Nortel Networks). Die Arbeitsmonturen der Angestellten sollen mit dem Schriftzug N.E.R.D. versehen gewesen sein. Solche Techniker in coolen Anzügen mit Schriftzug, die alles unter Kontrolle und am Funktionieren halten mussten – so unsexy stell ich mir da gar nicht vor. Theorie drei: “Nerd” ist die Abkürzung für “Non Emotionally Responding Dude”, also für jemanden, der auf der sozialen und Gefühlsebene ungefähr so eloquent ist wie ein Stück Brot. Ohjeh, dann lieber die Arbeitsmontur-Theorie.

Übrigens ist der Nerd kein typisches Phänomen unseres Internet- und Computer-Zeitalters, sondern bereits seit der griechischen Antike bekannt. Berichtet wird zum Beispiel von Wissenschaftlern und Philosophen wie Thales, der beim philosophischen Spaziergang in Gedanken versunken in einen Brunnen fiel oder von Archimedes, der einem auf ihn zu stürmenden Soldaten ein trotziges „Störe meine Kreise nicht“ entgegen schleuderte, als er gerade irgendwelche Figuren in den Sand malte. Er wurde dafür angeblich von dem Soldaten erschlagen, so dass er seinem Nerdtum sogar zum Opfer fiel. Seit je her gab es Nerds, die herausragend gut, gradezu genial auf ihrem Fachgebiet, denen aber Äußerlichkeiten oder ihre sozialen Kontakte nebensächlich waren. Nehmen wir aus der moderenen Zeit den glorreichen Jay Freeman, den Außenseiter Zuckerberg oder Neo, den sozial minderbemittelten Programmierer aus Matrix, der die Welt retten soll. Über Archimedes sagte man übrigens, dass er wohl recht streng roch – Thales fiel ja zum Glück inden Brunnen, so dass er immerhin dann gereinigt wurde.

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Party, no bullshit

Also ging ich auf diese Party mit tausend Bildern im Kopf- und hatte einen der besten Abende seit langem! Nicht nur, dass die Jungs und Mädels (komisch, an Mädels hab ich bisher noch gar nicht gedacht!) zwar nicht nach der neuesten GQ gekleidet waren, aber überhaupt in keinster Weise irgendwie ungepflegt aussahen – dieses Bild trifft allein auf den heutzutage weit verbreiteten Hipster zu, den man unter keinen Umständen mit dem Nerd verwechseln sollte (der Nerd ist wie Lindt-Schokolade, der Hipster ist Chiccoree-Schokoladenersatz aus Usbekistan, die sich in Lindt- Papier gewickelt hat- aber das ist ein eigenes Thema). Auch das Vorurteil, dass die Nerds keinerlei Interesse an gesellschaftlichen oder sonstigen Trendbewegungen hätten, ist Quatsch. Sie folgen nur nicht zwingend jedem Shit, weil sie die Oberflächlichkeit durchschauen. Wir konnten sogar drüber ablachen, dass ihr klischeebehafteter Kleiderstil erstaunlicherweise selber zum Trend wurde, also der “Hipster” im hippen Nerdlook. Charakteristisch dafür: Strickpullis oder TShirts mit Uraltprint, gerne Wölfe, Hirsche oder Mickey Maus, Karohemden, zu hoch sitzende Karottenhosen, ausgelatschte Schuhe, evtl Hosenträger, unmodische ungepflegte Frisuren und natürlich die obligatorische Nerdbrille – zur Not auch mit Fensterglas… eben alles, was den Eindruck erweckt, dass kein Wert aufs Äußere gelegt wird.

Hipster-Nerd

Ich hatte superspannende Gespräche, konnte mir endlich mal meine Fragezeichen zur Programmiersprache auf lustige Weise ausräumen lassen und wir haben gesoffen, gelacht, feinsten Elektro gehört. Ja, auch über Games und die iOS7 wurde geredet, über Windows 8 und über Außenpolitik, über PRISM und NSA. Unkommunikatives Sonderlingvolk mit Sozialphobie? Von wegen. Aber war die Party jetzt echt so viel anders als andere? Jedenfalls habe ich mich anschließend gefragt, ob ich nicht vielleicht auch irgendwie Nerd bin mit meinem doch ziemlich unerschöpflichen Wissen über Sport und Ernährung. Ich kann stundenlang darüber diskutieren, ob Eiweiß ergänzend sinnvoll, der Verzicht auf Carbs diättauglich oder Ephidrin ein geeignetes Dopingmittel ist.

Jedenfalls sind mir einige Dinge bewusst geworden:

Erstens: Echte Nerds nennen sich selber Nerds – und meinen es durchweg selbstironisch, weil sie einfach wissen, was sie wissen und können und stolz drauf sind.

Zweitens: Mir ist jeder lieber, bei dem die Äußerlichkeiten hinter dem Interesse zurückstehen, als die Interessen hinter den Äußerlichkeiten.

Und drittens: Es gibt nichts, was einen Menschen sexier macht, als wenn er sich für etwas begeistern und vollkommen darin versinken kann. Egal, ob es die Forschung an Molekülverbindungen, die Entdeckung von neuen mathematischen Formeln, das Herumschrauben an Oldtimern oder ein bestimmter Sport ist. Und demjenigen dabei zuzusehen, wenn er mit leuchtenden Augen davon erzählt. Und das können Nerds, weil sie sich mit ihrem Fachbereich intensiv und mit Herzblut beschäftigen. Wenn man den manchmal leicht belehrenden oder abschätzigen Tonfall einfach überhört, kann ich nur zusammenfassen: I love Nerds!

Artikelbild via Wikimedia Commons, Flickr-User “Lamilli”

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